Friedhof der Namenlosen – ein schaurig schöner Ort

Keine Kräne, keine Schiffe, keine Sattelschlepper, keine Spur von Hektik.

Im Hafen Wien, einem Unternehmen der Wien Holding, gibt es auch ganz besondere Plätze, fernab des Hafenbetriebs. So im Alberner Hafen: Dort wo das Hafengelände schon wieder in den Auwald übergeht, befindet sich der Friedhof der Namenlosen. Ein schaurig schöner Ort, wie es ihn nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Hier scheint die Zeit still zu stehen. Am Friedhof der Namenlosen fanden die meist anonymen Opfer der Donau von 1840 bis zum Jahr 1940 ihre letzte Ruhe. Von vielen weiß man weder den Namen, noch wie sie gestorben sind. Bei anderen wurde die Identität nachträglich geklärt. Jeden ersten Sonntag nach Allerheiligen wird den Toten, die hier begraben sind, im Rahmen einer Gedenkfeier gedacht. Heuer findet die Kranzlegung am 3. November um 14 Uhr statt. Durch einen neuen gesicherten Fußweg ist der Friedhof erstmals direkt für BesucherInnen zugänglich. Auch die Auferstehungskapelle wurde renoviert.

„Der Friedhof der Namenlosen ist ein außergewöhnlicher Ort mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Obwohl der Friedhof schon lange stillgelegt ist, wird auch heute noch jedes Jahr den Opfern der Donau gedacht. Rechtzeitig vor Allerheiligen wurde die Auferstehungskapelle am Friedhof renoviert und ein neuer direkter Fußweg angelegt. Damit wird nicht nur der Zugang für Besucherinnen und Besucher erleichtert, sondern gleichzeitig sichergestellt, dass der Friedhof der Namenlosen und die Menschen, die hier begraben wurden, nicht in Vergessenheit geraten“, so Kurt Gollowitzer, Geschäftsführer der Wien Holding.

Letzte Ruhestätte für Opfer der Donau
Weltweit ist der Friedhof der Namenlosen wohl die einzige Begräbnisstätte, die ausschließlich den Opfern eines Flusses vorbehalten ist. Ermordete, Unfallopfer, SelbstmörderInnen, Opfer ungeklärter Kriminalfälle – meistens unbekannte Tote aus dem Fluss, die hier angeschwemmt und gleich begraben wurden. Ein Wasserwirbel fing bis 1939 neben morschem Treibholz auch an die 600 Leichen ein. Schlichte Kreuze aus Schmiedeeisen gefertigt, manchmal noch mit einem Schild versehen, auf dem „Namenlos“, „Unbekannt“, „Männlich“, „Weiblich“ oder ein Datum steht, sind die einzigen Zeugen, die an die Opfer des Flusses erinnern.

Friedhof aus zwei Teilen
Der Friedhof der Namenlosen besteht aus zwei Teilen. Der ältere Bereich ist heute kaum mehr zu sehen. Bäume und Sträucher haben die Begräbnisstätte überwuchert. Immer wieder wurde dieser Friedhofsteil überschwemmt. Der Auwald hat heute die Totenstätte wieder in Besitz genommen. Auf diesem Teil des Friedhofs wurden bis zur vorletzten Jahrhundertwende die angeschwemmten Wasserleichen bestattet.

Der neue Friedhofsteil entstand 1900, jenseits des Schutzdammes. Die Gräber sind einfache, schmucklose Erdhügel, ohne Umrandung und ohne Grabstein. Geschmückt sind sie nur mit einfachen schmiedeeisernen Kreuzen. 1935 erhielt der Friedhof bei den Arbeiten zur Verstärkung des Schutzdammes eine steinerne Umfassungsmauer und eine Kapelle, die so genannte Auferstehungskapelle. Auf dem neuen Teil des Friedhofs der Namenlosen wurden im Zeitraum 1900 bis 1940 insgesamt 104 Wasserleichen beerdigt. Nur 43 davon konnten identifiziert werden.

Im Jahr 1939 wurden der Hafen Albern mit seinen Getreidesilos gebaut. Durch die Hafenregulierung änderten sich die Strömungsverhältnisse im Donaustrom. Und seither werden kaum mehr Leichen an dieser Stelle angeschwemmt. Und wenn doch, dann werden diese Toten auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Auf dem Friedhof der Namenlosen fand nach offiziellen Quellen die letzte Beerdigung im Jahr 1940 statt. Der stillgelegte Friedhof der Namenlosen wird heute vom Hafen Wien sowie der Stadt Wien erhalten.

Vom Totengräber Josef Fuchs
Mit der Geschichte und der Erhaltung des Friedhofs der Namenlosen ist ein Mann untrennbar verbunden: Der ehrenamtliche Totengräber Josef Fuchs. Er lebte von 1906 bis 1996 und hat den Friedhof mit großer Sorgfalt betreut. Er hat auch dafür gesorgt, dass ganz im Widerspruch zum Namen des Friedhofs viele der Toten nicht ganz namenlos geblieben sind. Mithilfe von Abgängigkeitsanzeigen des Gemeindeamts Albern, die auch Personenbeschreibungen enthielten, konnte er viele Opfer identifizieren.

Gedenkfeier am 3. November 2019 um 14 Uhr
Am Nachmittag des ersten Sonntags nach Allerseelen wird jedes Jahr der Opfer der Donau und der Toten auf dem Friedhof der Namenlosen gedacht. Die Mitglieder des Fischereivereins Albern versammeln sich dann, um ein von ihnen gebautes Floß, geschmückt mit Kränzen, Blumen und brennenden Kerzen, zu Wasser zu lassen. Auf dem Floß befindet sich auch ein symbolischer Grabstein mit der Inschrift „Den Opfern der Donau“ und der in den Sprachen Deutsch, Tschechisch und Ungarisch verfassten Bitte, das Floß, wenn es am Ufer hängen bleiben sollte, einfach weiterzustoßen. Der Prozessionszug zieht dann zum Ufer der Donau hinunter, begleitet von einer Musikkapelle. Auf einem Boot der freiwilligen Feuerwehr Mannswörth bringen die Fischer das Floß in die Mitte des Donaustroms, um es den Fluten zu übergeben, zum Gedenken an die anonymen Opfer der Donau.

600 m langer Fußweg direkt zum Friedhof der Namenlosen
In den vergangenen Monaten konzipierte der Hafen Wien für den Hafen Albern ein neues Verkehrskonzept, in dem die vorhandenen Verkehrszeichen und Bodenmarkierungen gesamtheitlich erfasst und auf verkehrstechnische Richtigkeit und Notwendigkeit überprüft und optimiert wurden. Ein wesentliches Ergebnis dieses Verkehrskonzepts ist der neue Zugang zum Friedhof der Namenlosen. Dank des neuen Fußweges können BesucherInnen nun abseits des Hafenbetriebs sicher zum Friedhof gelangen. Im Zuge der Umbauarbeiten wurde durch den Hafen Wien auch die von Architekt Karl Franz Eder entworfene Auferstehungskapelle am Friedhof renoviert. Innerhalb von vier Wochen sind die Kapellen-Wände, das Altarbild und die Wände der Sakristei restauriert worden.

„Durch den neuen Fußweg zum Friedhof und die parallel erfolgte Sanierung der Friedhofs-Kapelle konnten wir dieses von den Wienerinnen und Wienern geschätzte städtische Kulturdenkmal erheblich aufwerten“, zeigen sich die GeschäftsführerInnen des Hafen Wien, Fritz Lehr und Doris Pulker-Rohrhofer, zufrieden.

Der neue Fußweg beginnt bei der öffentlichen Haltestelle, der Endstation der Buslinien 76A sowie 76B, und führt auf einer Länge von ca. 600 m direkt zum Friedhof der Namenlosen. Die Wegweisung wurde entsprechend ausgeschildert. Etwaige Änderungen an den Verkehrszeichen bzw. den Bodenmarkierungen wurden dokumentiert und örtlich umgesetzt. Damit ist dieses im Areal des Hafen Albern gelegene Kulturdenkmal der Stadt Wien erstmals gesichert und durchgängig für FriedhofsbesucherInnen erreichbar.

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