Zum 200. Todestag: Joseph Maximilian Ossoliński in Wien

Józef Maksymilian Ossoliński. Foto: Wikimedia Commons / Quelle: ossolineum.pl

Zum 200. Todestag: Joseph Maximilian Ossoliński in Wien

Der polnische Gelehrte Joseph Maximilian Ossoliński war 17 Jahre lang Präfekt der Hofbibliothek in Wien, der Vorgängerin der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek. Er rettete ihre wertvollsten Sammlungen, und sein Porträt schmückt einen der Räume der Nationalbibliothek. 2026 jährt sich zum 200. Mal sein Tod - ein Anlass, diese in Österreich weitgehend unbekannte Persönlichkeit wieder in Erinnerung zu rufen.

Von Galizien nach Wien

Joseph Maximilian Ossoliński (geb. 1748 in Wola Mielecka, gest. 1826 in Wien) war Historiker, Bibliophiler, Schriftsteller, Politiker und Mäzen. Er ist allgemein als Gründer und Stifter des Ossolineums bekannt, einer heute bedeutenden polnischen Kultur- und Forschungsinstitution. Seine Verdienste für die österreichische Kultur genießen hingegen weniger Anerkennung. Dabei sollte jedoch berücksichtigt werden, dass Ossoliński 36 Jahre in Wien verbrachte, also den größten Teil seines Erwachsenenlebens. Es lohnt sich daher, seinen Lebensabschnitt in Wien und seine Arbeit als Präfekt der Hofbibliothek zu betrachten.

Die Bibliothek war zu dieser Zeit von außerordentlicher Bedeutung und höchstem Rang in ganz Europa und gehörte mit ihrer Gründung im Jahr 1368 zu den ältesten Bibliotheken. Mit der Leitung einer solchen Einrichtung wurden besonders sorgfältig ausgewählte Personen betraut. Unter Ossolińskis Vorgängern befanden sich beispielsweise der Poet Enea Silvio Piccolomini, also der spätere Papst Pius II., oder der außerordentliche Humanist Konrad Celtis. Ossoliński wurde ebenfalls die Ehre zuteil, eine solch bedeutsame Position zu bekleiden. Anerkennung und Hochachtung erhielt er für seine Ausbildung am Collegium Nobilium der Jesuiten in Warschau, vor allem aber für seine Leidenschaft für Bücher und Wissenschaft.

Bevor er Präfekt wurde, war viel Zeit seit seiner Einreise nach Wien vergangen. Im Jahr 1790 kam er als einer der Delegierten des galizischen Adels an den Hof von Kaiser Joseph II., um ihn zu bitten, die neu eingeführten ungünstigen Steuervorschriften zu ändern und Galizien eine Verfassung namens Magna Charta Leopoldina zu gewähren.

Obwohl seine Mission erfolglos war, beschloss Ossoliński, dauerhaft in Wien zu bleiben und ließ sich in der Mayerhofgasse 8 nieder (heute erinnert an den Ort eine Gedenktafel, die 2015 enthüllt wurde).

Ossoliński interessierte sich jedoch mehr für die Wissenschaft als für die Diplomatie. Wie er zu sagen pflegte: Die Wissenschaft hat nicht weniger als der Säbel unseren Adel geschaffen.

Er begann umfangreiche Bibliothekssammlungen anzuhäufen, die er nicht nur in Wien, sondern in der ganzen Habsburgermonarchie erwarb, insbesondere in den Gebieten des damaligen Polens.

Porträt von Joseph Maximilian Ossoliński in der Österreichischen Nationalbibliothek. Fot. Irmgard Harrer

Die Rettungsaktion 1809

Die von Ossoliński in Wien angehäufte Büchersammlung wurde nicht nur von polnischen, sondern auch von österreichischen Gelehrten genutzt. Dank seiner umfangreichen Bibliothek und seines großen literarischen Wissens erlangte er großes Ansehen in Hofkreisen. Am 16. Februar 1809 wurde er aufgrund eines kaiserlichen Dekrets zum Präfekten der Hofbibliothek ernannt.

Diese Position war mit einem hohen Prestige verbunden und eines der ehrenvollsten Ämter in der Hauptstadt des österreichischen Kaiserreichs. Die Anforderungen an den Kandidaten waren auch dementsprechend hoch. Er musste über einen makellosen Ruf verfügen, gebildet sein, wissenschaftliche Leistungen vorweisen, Fremdsprachenkenntnisse besitzen, sich durch Fleiß auszeichnen und sich mit voller Hingabe der Arbeit in der Bibliothek widmen. Der Leitspruch des Präfekten der Hofbibliothek lautete „Aliis Inserviendo Consumor“, was aus dem Lateinischen übersetzt „Indem ich anderen diene, verzehre ich mich“ bedeutet. Damit war gemeint, dass man nicht für sich selbst, sondern für andere arbeiten und freiwillig auf Vorteile verzichten soll, von denen andere profitieren. Ossoliński erfüllte alle diese Kriterien.

Die Ernennung von Ossoliński fiel zeitlich mit dem Krieg Österreichs mit Frankreich im Jahr 1809 zusammen. Er übernahm das Amt des Präfekten drei Monate bevor Napoleon Wien einnehmen sollte. In Wien war bekannt, dass Napoleon die Angewohnheit hatte, sich Kunstwerke aus eroberten Gebieten anzueignen. Diese Befürchtung hatte man auch zunehmend in Bezug auf Wien, je mehr sich die französische Armee der Hauptstadt näherte.

Der Einmarsch der französischen Armee würde den Verlust wertvoller Bibliotheksbestände bedeuten. Aufgrund dieser Gefahr ließ Ossoliński im März 1809 die wertvollsten Bücher, Manuskripte und Illustrationen für den Transport vorbereiten. Im April wurden 14 verzinkte Kisten nach Ungarn befördert. Unter den ausgeführten Gegenständen befanden sich zum Beispiel Beschlüsse des Senats im alten Rom, altgriechische Pergamentmanuskripte und eine Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert, die sog. Tabula Peutingeriana.

Es blieb jedoch keine Zeit, alle wertvollen Gegenstände fortzuschaffen, da die französische Armee immer schneller vorrückte. Im Mai marschierte sie in Wien ein, und mit ihr der Generaldirektor der französischen Museen, Dominique-Vivant Denon. Während der Feldzüge Napoleons fungierte Denon als Experte für die Beschlagnahmung von Kunstgegenständen in den von Frankreich besetzten Gebieten Europas. Seine Aufgabe war es, die Sammlung des Louvre in Paris mit Kunstwerken aus eroberten Gebieten – z.B. aus Bibliotheken, Klöstern, Kirchen und Residenzen – zu ergänzen. Er erhielt den Spitznamen „das Auge Napoleons“ und war in Italien, den Niederlanden, Deutschland und Spanien tätig. 1809 kam er nach Wien mit einer im Voraus erstellten Liste aller Gegenstände, die beschlagnahmt werden sollten.

Ossoliński versuchte, den Rest der ihm anvertrauten Bibliotheksbestände zu retten. Er protestierte bei Denon gegen ihren Abtransport, schickte Briefe an französische Minister mit der Bitte, die Kunstwerke in Wien zu lassen, und ersuchte – leider erfolglos – um eine Audienz bei Napoleon persönlich. Obwohl es ihm und seinen Mitarbeitern gelang, einen Teil der zu beschlagnahmenden Gegenstände zu verstecken, wurden mehrere hundert Bände alter Drucke, Manuskripte und Illustrationen mitgenommen. Die Bibliothek verlor viele wertvolle Sammlungen und eines von Ossolińskis zentralen Bestreben während seiner Amtszeit war es, diese wiederzugewinnen.

Österreichische Nationalbibliothek. Fot. Sławomir Iwanowski

Nach dem Ende des österreichischen Krieges gegen Frankreich beschloss Ossoliński, die Bibliothek zu schließen, um ein Inventar der Bestände zu erstellen. Nach dem Aufräumen und Zählen begann er, die geraubten Sammlungsstücke zurückzufordern. Dies wurde erst nach der Niederlage von Napoleons Truppen bei Waterloo im Jahr 1815 möglich. Zu dieser Zeit bemühte man sich, die Gegenstände ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Um die Kulturgüter wiederzubekommen, schickte Ossoliński seine besten Mitarbeiter nach Paris. Im Laufe der Jahre gelang es ihm, fast alle geraubten Gegenstände wiederzubeschaffen. Ihr Auffinden und ihre Rückgabe nahmen die ganze verbleibende Zeit in Anspruch, die Ossoliński noch als Präfekt hatte.

Das Biographische Lexikon des Kaisertums Österreich, das 1870 von dem österreichischen Bibliographen Constantin von Wurzbach verfasst wurde, enthält Biografien bedeutender Persönlichkeiten. Folgendes können wir darin über Ossoliński lesen:
„Des Grafen Amtstätigkeit an diesem großartigen Institute fällt in die denkwürdige Periode der Invasion der Franzosen in Wien, in welcher der Generalsekretär der französischen Museen, Herr v. Denon, eine systematische Beraubung der kaiserlichen Sammlungen und also auch der Bibliothek organisierte. Graf Ossoliński wahrte mit seinem ganzen Einflüsse und allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die ihm anvertrauten Schätze, […]. Auch sonst wirkte der Graf während der 17 Jahre, in welchen er die Bibliothek leitete, auf das Verdienstlichste für dieselbe“.

200 Jahre nach seinem Tod

17 Jahre lang, fast bis zu seinem Tod, fungierte Ossoliński als Präfekt. Er starb in Wien und wurde auf dem Matzleinsdorfer Friedhof begraben. Leider ist sein Grab nicht erhalten geblieben. In den 1850er Jahren, im Zuge des Ausbaus der Infrastruktur Wiens, wurde Ossolińskis Grab aufgelöst. Dank der Initiative von Halina und Sławomir Iwanowski, Ewa und Krzysztof Korbiel sowie Stanisław Teper wurde im Jahr 2025 auf dem nahegelegenen evangelischen Friedhof Matzleinsdorf eine Gedenktafel zu Ehren von Joseph Ossoliński errichtet.

Nach 1918 wurde die Hofbibliothek in die Nationalbibliothek umbenannt, seit 1945 ist sie als Österreichische Nationalbibliothek bekannt. Sie befindet sich weiterhin am gleichen Ort in Wien, nämlich in der Hofburg am Josefsplatz 1.

Die Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek zählt über 10 Millionen Medien und ist somit die größte des Landes. Sie gilt heute als eine der bedeutendsten Bibliotheken und ihr barocker Prunksaal gilt als einer der schönsten Bibliothekssäle der Welt.

Bei der Betrachtung dieser reichen Sammlung sollte man sich die Verdienste von Joseph Maximilian Ossoliński vor Augen halten, der von 1809 bis 1826 Präfekt der kaiserlichen Hofbibliothek war. Heute hängt sein Porträt im Van-Swieten-Saal der Österreichischen Nationalbibliothek.

Abschließend soll noch erwähnt werden, dass die Zeitschrift „Polonika“ ebenfalls in der Sammlung der Nationalbibliothek in der Zeitschriftenabteilung zu finden ist.

Sławomir Iwanowski, Polonika Nr. 312, Jänner/Februar 2026

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